Am Mittwoch saß ich also bei Lena in der Küche.
Offiziell, um ihr beim Kinderzimmer zu helfen. In Wahrheit, damit Marion sich meine Beine anschaut.
Nach dem Hausbesuch zeigte Lena auf meine Knöchel und sagte: „Marion, schau dir das bitte mal an. Bei Mama hilft nichts. Nicht mal die Wassertabletten von der Ärztin.“
Marion beugte sich zu mir runter und drückte mit dem Daumen auf mein Schienbein.
Als sie losließ, blieb eine kleine Delle zurück.
Dann sagte sie etwas, womit ich nicht gerechnet hatte:
„Das Interessante ist nicht Ihre Schwellung. Das Interessante ist Ihre Tochter.“
Ich verstand erst nicht, was sie meinte.
Marion zeigte auf Lena. „Ihre Tochter ist schwanger. Sie hat mehr Flüssigkeit im Körper, mehr Blut, und das Baby drückt von innen auf die großen Venen. Trotzdem hat sie schlanke Knöchel.“
Dann sah sie mich wieder an.
„Das zeigt mir: Bei Ihnen geht es wahrscheinlich nicht nur um Veranlagung. Und auch nicht nur um Salz. Das zeigt mir: Bei Ihnen liegt es weder an der Veranlagung noch am Salz. Bei Ihnen hat sich in den letzten Jahren etwas verändert: die Wechseljahre. Genauer: das, was der sinkende Östrogenspiegel mit Ihren Venen macht.”
Marion nannte es eine Schwäche der Gefäß-Schleusen.
Und dann sagte sie den Satz, der mir hängen blieb:
„Ich sehe das jede Woche. Nicht bei den Schwangeren, sondern bei ihren Müttern. In meiner Heilpraktiker-Praxis kommen viele Frauen über fünfzig mit genau solchen Beinen zu mir. Und fast alle haben vorher das Gleiche gehört: Wassertabletten. Kompressionsstrümpfe. Beine hochlegen.“
Im ersten Moment dachte ich: Jetzt kommt bestimmt wieder irgendein Trend, der am Ende nichts bringt.
Aber was Marion mir dann erklärte, klang nicht nach Esoterik.
Es war einfache Biologie.
Und es erklärte mir zum ersten Mal, warum Lena und ich so unterschiedlich aussahen.