Es ist 04:37 Uhr, und ich weiß das, ohne aufs Handy zu schauen.
Irgendwann im vorletzten Herbst hat sich mein Körper diese Uhrzeit ausgesucht, und seitdem hält er sich daran, zuverlässiger als jeder Wecker. Ich liege dann im Dunkeln, die Decke ist mal zu warm, mal zu kalt, und in meinem Kopf geht es los. Die Deadline am Donnerstag. Ein Satz, den ich in der Redaktionskonferenz besser nicht gesagt hätte. Ob ich der Tierärztin eigentlich zurückgeschrieben habe.
Um sechs schaue ich dann doch aufs Handy. Zwei Stunden noch, denke ich, das reicht ja, wenn ich jetzt einschlafe. Um Viertel nach sieben liege ich immer noch wach und zähle in Fünf-Minuten-Schritten rückwärts. Kurz vor halb acht kippe ich endlich weg, so tief, wie ich es mir die ganze Nacht gewünscht habe.
Um acht klingelt der Wecker. Ich fahre hoch, mein Herz klopft bis zum Hals, und für einen Moment weiß ich nicht, welcher Tag ist. Dann sitze ich auf der Bettkante, mit diesem dumpfen Druck hinter den Augen, und denke nur: So geht das nicht weiter.
Wenn ich ehrlich bin, war das kein besonders schlimmer Morgen. So sah über ein Jahr lang fast jeder aus.
Was meine Uhr über meine Nächte wusste
Ich trage seit Jahren eine Smartwatch, eigentlich wegen der Schritte. Irgendwann habe ich angefangen, mir morgens auch die Schlafauswertung anzusehen, was ich meistens besser gelassen hätte. Das hier ist ein ganz normaler Dienstag. Er sieht fast genauso aus wie alle anderen.
- 22:40Todmüde ins Bett. Licht aus, Kopf an.
- 00:30Irgendwann weggedämmert.
- 04:37Hellwach, wie auf Knopfdruck. Wieder diese Uhrzeit.
- 05:58Blick aufs Handy. Noch zwei Stunden.
- 07:15Immer noch wach. Noch 45 Minuten. Noch 40.
- 08:00Kurz vorher eingenickt, vom Wecker hochgeschreckt.
Unterm Strich keine fünf Stunden Schlaf, in kleinen Häppchen. Davon 25 Minuten Tiefschlaf. Meine Uhr hat mir dafür einen Score von 41 gegeben und vorgeschlagen, heute doch „etwas früher ins Bett zu gehen“. Danke auch.
Müde ist das falsche Wort
Wer länger schlecht schläft, weiß, dass „müde“ nicht annähernd beschreibt, wie man sich fühlt. Ich habe morgens drei Kaffee gebraucht, bevor ich einen brauchbaren Satz schreiben konnte. Gegen drei am Nachmittag kam zuverlässig ein Tief, in dem ich ernsthaft überlegt habe, mich kurz auf den Teppich im Konferenzraum zu legen. Ich habe Termine verschwitzt, meinen Partner wegen Kleinigkeiten angeblafft und Freundinnen so oft abgesagt, dass irgendwann keine mehr gefragt hat.
Und dann der Abend, der mich wirklich wahnsinnig gemacht hat. Um halb zehn fielen mir auf dem Sofa die Augen zu. Zehn Minuten später im Bett war ich hellwach.
Vielleicht erkennst du dich in ein paar dieser Punkte wieder:
- Du bist abends erschöpft, aber sobald das Licht aus ist, springt dein Kopf an.
- Du wachst nachts auf, fast immer um dieselbe Uhrzeit, und findest nicht mehr in den Schlaf.
- Du rechnest nachts aus, wie viele Stunden dir noch bleiben.
- Du schläfst kurz vor dem Wecker doch noch ein und wachst wie erschlagen auf.
- Du fühlst dich morgens nie richtig ausgeruht, egal wann du ins Bett gehst.
Bei mir trafen alle fünf zu, und zwar ständig. Den Termin im Schlaflabor habe ich mir gemacht, nachdem ich eines Morgens an einer grünen Ampel stehen geblieben bin, bis hinter mir jemand gehupt hat. Ich hatte schlicht nicht mitbekommen, dass sie umgesprungen war.
Zwei Nächte im Schlaflabor
Das Schlaflabor, in dem ich gelandet bin, liegt im vierten Stock eines ganz normalen Klinikgebäudes. Das Zimmer sieht aus wie ein mittelmäßiges Hotelzimmer, bis auf die Infrarotkamera an der Decke. Eine Nachtschwester hat mir rund zwanzig Elektroden an Kopf, Brust und Beine geklebt, dazu einen Clip an den Finger und einen Gurt um den Bauch. Dann hat sie mir eine gute Nacht gewünscht. Ich musste lachen.
Gemessen wird praktisch alles: Hirnströme, Atmung, Sauerstoff, Puls, jede Bewegung. Ich hatte vorher natürlich gegoogelt und war in Gedanken schon bei Schlafapnoe, Herzrhythmusstörungen und Schlimmerem.
Eine Woche später saß ich bei der Schlafmedizinerin. Sie drehte den Bildschirm zu mir, darauf meine Nacht als Kurven. Selbst ich konnte erkennen, dass ich kaum in den Tiefschlaf kam und ständig kurz aufwachte, meistens ohne es zu merken.
„Organisch ist alles in Ordnung“, sagte sie. Ich weiß noch, dass ich fast enttäuscht war. Dann lehnte sie sich zurück und sagte einen Satz, den ich mir hinterher sofort aufgeschrieben habe:
„Ihr Körper ist erschöpft. Aber Ihr Kopf hatte seit Monaten keinen Feierabend.“
Sie sehe das ständig, erklärte sie. Menschen, deren Nervensystem abends nicht mehr in den Ruhemodus findet. Der Körper wäre längst bereit für die Nacht, aber im Kopf läuft der Tag einfach weiter. Deshalb lägen so viele ihrer Patientinnen und Patienten mitten in der Nacht plötzlich hellwach im Bett.
Dann nahm sie ihren Kugelschreiber und schrieb ein einziges Wort auf meinen Befundbogen: GABA.
„Das ist der wichtigste hemmende Botenstoff in Ihrem Nervensystem“, sagte sie. „Eine Art Bremse. Und bei Ihnen steht abends der Fuß noch voll auf dem Gas.“
Die Frau am Kaffeeautomaten
Bevor ich ging, habe ich mir im Flur noch einen Automatenkaffee gezogen. Neben mir stand eine Frau, ich schätze Mitte fünfzig, mit diesen Kleberesten an den Schläfen, die man nach einer Nacht im Labor nie ganz abbekommt. Wir kamen ins Gespräch, wie das unter Leidensgenossinnen so ist.
Ihre Geschichte klang wie meine: jahrelang mitten in der Nacht wach, Kopfkino, morgens wie überfahren. Halb im Scherz zeigte ich ihr meinen Befundbogen mit dem einen Wort darauf. Sie lachte.
„GABA? Das nehme ich seit einem halben Jahr jeden Abend. Abendritual heißt das, da ist GABA drin, Baldrian, Hopfen und noch irgendwas.“
Sie sei heute nur noch zur Kontrolle da, erzählte sie dann. „Meine Werte sind deutlich besser als beim ersten Mal. Und das merke ich auch so: Ich schlafe besser und bin morgens endlich wieder ausgeruht.“
Ich muss ziemlich ungläubig geguckt haben, denn sie zuckte nur mit den Schultern. Den Namen habe ich mir trotzdem notiert, direkt unter das Wort, das die Ärztin aufgeschrieben hatte.
Warum all meine Hausmittel nichts gebracht hatten
Auf der Heimfahrt in der S-Bahn habe ich lange auf diesen Zettel gestarrt, und plötzlich ergab das letzte Jahr einen Sinn. Ich hatte ja nicht nichts getan. Ich hatte so ziemlich alles ausprobiert, was ich selbst schon zigmal empfohlen hatte, jeweils mindestens eine Woche lang.
| Was ich probiert habe | Was passiert ist |
|---|---|
| Warme Milch mit Honig | Gemütlich. Um 04:37 war ich trotzdem wach. |
| Lavendelkissen | Riecht gut. Das war es dann aber auch. |
| Schlaftee aus dem Supermarkt | Ich musste nachts zusätzlich aufs Klo. |
| Handy ab 21 Uhr aus | Abends etwas ruhiger, die Nächte blieben gleich. |
| Sport am Abend | Danach war ich eher aufgedreht als müde. |
| Meditations-App | Ich lag da und dachte darüber nach, dass ich gerade meditiere. |
| Am Wochenende ausschlafen | Montags war alles noch schlimmer. |
Das meiste davon macht den Abend netter. Aber nichts davon setzt da an, wo die Ärztin mein Problem verortet hatte, bei einem Nervensystem, das abends nicht herunterfährt. Ich hatte vierzehn Monate lang an meinen Nächten herumgedoktert, dabei fing das Ganze jeden Abend an, lange bevor ich das Licht ausgemacht habe.
Ich habe nachrecherchiert, gründlich
Einer Frau am Kaffeeautomaten glaubt man nicht einfach so, als Gesundheitsjournalistin schon gar nicht. Also habe ich gemacht, was ich beruflich jeden Tag mache, und mir jeden Inhaltsstoff einzeln vorgenommen.
GABA ist genau der Botenstoff, von dem die Ärztin gesprochen hatte. Baldrian und Hopfen werden seit Generationen am Abend verwendet, meine Oma hatte immer ein Fläschchen Baldrian im Nachtschrank. L-Tryptophan ist eine essenzielle Aminosäure, die der Körper nicht selbst herstellen kann. Und Vitamin B2 trägt nachweislich zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei.
Dann habe ich mir Abendritual von Naturtreu angesehen. Alle vier in einer Kapsel, dazu Vitamin B2, mit offen ausgewiesenen Mengen. Vegan, ohne Zusatzstoffe, hergestellt in Deutschland. Ich mache diesen Job lange genug, um bei Nahrungsergänzungsmitteln misstrauisch zu sein. Hier habe ich nichts gefunden, woran ich mich hätte stören können.
Bestellt habe ich mit eher überschaubaren Erwartungen, dafür war ich zu oft enttäuscht worden. Diesmal wollte ich es aber ordentlich machen: 30 Abende am Stück, weiter mit Schlaftagebuch und Uhr.
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Mein 30-Tage-Test
Jeden Abend etwa eine Stunde vor dem Schlafengehen zwei Kapseln. Sonst habe ich bewusst nichts verändert, ich wollte wissen, woran es liegt. Ein paar Einträge aus meinem Tagebuch, ungeschönt:
- Tag 1 bis 5Nichts Besonderes. Kapseln, Licht aus, warten. Hatte ich mir schon gedacht.
- Tag 6Licht aus, und mein Kopf bleibt ruhig. Keine Deadline, keine Konferenz. Ich bin so irritiert, dass ich fast deswegen wach bleibe.
- Tag 1104:37. Ich werde wach, drehe mich um und schlafe wieder ein. Erst beim Frühstück fällt mir auf, was da eigentlich passiert ist.
- Tag 19Durchgeschlafen. Zum ersten Mal seit über einem Jahr, von elf bis zum Wecker. Steht im Tagebuch in Großbuchstaben, mit drei Ausrufezeichen.
- Tag 30Um 07:50 wach, zehn Minuten vor dem Wecker. Kein Hochschrecken, kein Druck hinter den Augen. Meine Uhr zeigt einen Score von 82.
Was ich heute anders sehe
Ich habe in diesen vierzehn Monaten so ziemlich alles gekauft, was es zum Thema Schlaf gibt. Kissen, Tees, Apps, eine Lichtweckerlampe, die inzwischen im Keller steht. Von all dem war Abendritual das Einzige, das bei mir wirklich etwas verändert hat.
Ich glaube, ich habe so lange an der falschen Stelle gesucht, weil ich das Problem in der Nacht vermutet habe. Bei mir lag es am Abend, an einem Kopf, der nicht abschalten konnte.
Falls du das hier gerade um 04:37 Uhr auf dem Handy liest: Ich weiß ziemlich genau, wie sich das anfühlt. Und ich hätte mir damals gewünscht, dass mir das jemand früher erzählt.
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Jetzt Verfügbarkeit prüfenNahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung und eine gesunde Lebensweise. Die angegebene empfohlene tägliche Verzehrmenge darf nicht überschritten werden. Bei anhaltenden Schlafproblemen wende dich bitte an deine Ärztin oder deinen Arzt. Die geschilderten Erfahrungen sind individuell.
